Leseproben,  Wolfkisses

Leseprobe: Wolfkisses – Clanmächte

King und Cassidy

Die Luft flimmerte. Es wirkte, als wären große Pfützen auf der Straße, doch King wusste, dass es sich nur um optische Täuschungen handelte. Der Warith der Nekare war gerade ausgestiegen. Er ließ seine Tasche neben sich auf den Gehweg fallen und überprüfte auf seinem Handy, ob er sich verfahren hatte. Doch laut der Navigationsapp war er am richtigen Ort. August. Was für ein scheiß Monat, um aus seinem klimatisierten Apartment in ein heruntergekommenes Haus am Stadtrand zu ziehen. Im Moment war ihm nicht einmal klar, ob es in der Absteige, vor der er jetzt stand, Strom und fließend Wasser gab.
Die wegen der Hitze geschlossenen Fensterläden hingen schief in den Angeln. Der Lack war an mehreren Stellen aufgeplatzt und blätterte langsam auf die Überreste von verdorrtem Gras. Die Veranda sah ebenfalls nicht sonderlich vertrauenserweckend aus. Vermutlich würde das Ding in dem Moment zusammenbrechen, in dem er es wagte, die Treppe hinaufzusteigen.
Sein Wolf rebellierte. Auch die Clanmacht drängte King, in seinen Wagen zu steigen und nach Hause zu fahren. Diese Austauschgeschichte war ohnehin eine schlechte Idee gewesen. Sich freiwillig als Geisel für die Hazima zu melden, war ihm im ersten Moment richtig und vermutlich sogar ein wenig nobel vorgekommen. Drei Wochen später zweifelte er an dem ganzen Vorhaben und noch mehr an seinem Verstand. Es war sein schlechtes Gewissen Sofie gegenüber gewesen, das ihn in diese verdammte Lage getrieben hatte. Das und die Neugierde darauf, wie der Clan lebte, dessen Existenz seinem Vater ein Dorn im Auge war.
King sah die Straße entlang. Vielleicht hatte er auch einfach die falsche Adresse bekommen?
Mit einem leisen Knarzen öffnete sich die Tür und jagte damit seine Zweifel zum Teufel. Sein Wolf knurrte, als Cassidy auf die Veranda trat. Sie strich sich eine Locke aus dem Gesicht und musterte King abschätzig.
»Ist das alles?«, fragte sie mit einem Blick auf die Sporttasche neben ihm. Dann sah sie die Straße hinab, als würde sie einen Truck erwarten, der den Rest seiner Sachen brachte.
»Ich reise mit leichtem Gepäck.« King machte keine Anstalten, die Tasche aufzuheben oder sich sonst irgendwie zu bewegen. Im Moment blockierte die Wölfin ohnehin den Eingang und es sah nicht aus, als hätte sie vor, ihn ohne Bitte durchzulassen. Eine Bitte auf die sie lange warten konnte. Er war ein Warith, verdammt noch mal. Der Erbe des Alphas bat nicht darum, durchgelassen zu werden, und schon gar nicht ein Mädchen im Blumenkleid.
King seufzte. Er war noch nicht mal eingezogen, und schon verteidigte Cassidy ihr Revier. Der erste Machtkampf hatte begonnen. Durch die drei Stufen, die sie über ihm stand, sah sie auf ihn herab, aber etwas sagte ihm, dass sie keinerlei körperliche Überlegenheit brauchte, um ihm das Gefühl zu geben, unerwünscht zu sein. Sie musterte ihn, als wollte sie seine Gedanken bestätigen, dann schlenderte sie über die knarzenden Dielen der Veranda auf ihn zu. Barfuß stieg sie eine Stufe nach der anderen hinunter, ohne King dabei aus den Augen zu lassen. Nur wenige Zentimeter vor ihm blieb Cassidy stehen und sah ihm lauernd in die Augen, als würde sie erwarten, dass ein Dämon sich darin zeigte.
»Dass du dieses kleine Opfer bringst, ändert nichts daran, dass du dich Luke gegenüber wie ein Arsch verhalten hast.«
Sie war gut einen halben Kopf kleiner als er, hatte in diesem Moment jedoch weit mehr Kampfeslust als erwartet in den bernsteinfarbenen Augen. Das konnte sein Wolf nicht auf sich sitzen lassen. Er drängte King vorwärts. Knurrte und mahnte ihn, die Frau vor sich in ihre Schranken zu verweisen. Die Clanmacht wollte die Daichin im Staub liegen sehen. Doch King ließ sich nicht auf das Spiel ein. Noch nicht.
»Es ist eine grausame Welt da draußen, das lernst du auch noch«, antwortete er stattdessen in einem gelangweilten Tonfall, der sie zur Weißglut bringen sollte.
Cassidy verdrehte lediglich die Augen. Sie wandte sich von ihm weg, der Geruch von frischem Sommerregen streifte Kings Sinne.
»Vanessa, unsere Gastgeberin, ist drinnen. Sie wird dir alles zeigen. Wenn du Glück hast, sogar wie man sich benimmt.«
Als hätte sich ihr Interesse an King von einem Moment zum nächsten in Luft aufgelöst, schlenderte Cassidy den Gehweg entlang. Vermutlich, um jemand anderem das Leben schwer zu machen. Er sah ihr nach und unterdrückte dabei das Bedürfnis, ihr zu folgen.
King zügelte den Jagdreflex seines Wolfes und konzentrierte sich stattdessen wieder auf das Haus vor sich. Doch sofort lenkte die Clanmacht seine Gedanken wieder zurück zu der Wölfin. Ihr Geruch hing ihm noch immer in der Nase. Ein süßes Versprechen auf andauernde Rivalität. Zumindest würde es so nicht allzu langweilig werden. Mit einem Kopfschütteln hob er seine Tasche auf, um endgültig den Weg in sein neues Heim anzutreten.


Tyson und Cassidy

Durch das Fenster sah Tyson, dass Cassidy mit Sunny auf der Veranda des Jungwolfhauses saß. Seit der Junge dem Job im Hotel nachging, galt er bei den Wölfen als erwachsen. Er war sofort weg von seiner Mutter, in die Wohngemeinschaft der Jungwölfe gezogen. Die Familienverhältnisse bei Sunny waren angespannt und für Sunny war es so am besten. Im Moment teilte er sich das Haus mit zwei anderen. Einem, verbesserte Tyson sich in Gedanken. Luke war an diesem Morgen ausgezogen. Cassidy war gerade noch rechtzeitig gekommen, um sich von ihm zu verabschieden, bevor dieser sich auf den Weg zu den Nekare gemacht hatte. Tyson war ein wenig in Sorge. Die Nekare-Clanmacht war dafür bekannt, die Gedanken ihrer Clanmitglieder zu korrumpieren. Aber Luke war so gutmütig, dass er vermutlich von keinem Interesse für die Aleashira sein würde, zumindest nicht für diese.
Zum wohl hundertsten Mal in den letzten drei Wochen griff Tyson nach dem Handy und wählte Beccas Nummer. Seit die Clanversammlung vorüber war, hatte er die Alpha der Daichin nicht mehr gesehen, dazu reagierte sie auf keinen seiner Anrufe, was eher selten vorkam. Normalerweise war er der Unzuverlässige, dessen Handy ständig ungeladen in irgendeiner Ecke herumlag.
Doch auch bei diesem Anruf erklärte die elektronische Stimme, dass der gewünschte Gesprächsteilnehmer nicht erreichbar war. Leise fluchte er. Zwar hatte sie nach den Verhandlungen mit Cage angekündigt, für einige Zeit in die Wälder zu verschwinden, aber als Packleader hieß das im Normalfall eine Woche. Längerer Urlaub war ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnten. Auch wenn Tory sich in Beccas Abwesenheit immer um die administrative Seite des Jobs kümmerte. Es würde irgendwann unweigerlich zu einem Vorfall kommen, den sie als Alpha persönlich klären musste. Tory nahm seine Anrufe ebenfalls nicht entgegen, doch das war nichts Neues. Sie erreichte er ohnehin nur über Cassidy. Tyson nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und tigerte weiter durch sein Haus.
Sein Blick wanderte durch das Fenster zu den Jungwölfen, die ausgelassen lachten. Er fragte sich, ob King in Zukunft mit ihnen lachen würde. Er war der Letzte aus dem Rudel der Nekare, den er bei sich erwartet hätte. Tyson erinnerte sich daran, wie Becca ihm den Namen des Warith als mögliche Geisel zugeraunt hatte, nachdem Cage dem Pakt widerwillig zugestimmt hatte. Hätte sie die Forderung gestellt, hätte Cage sofort abgelehnt. Es gab nichts, was der älteste Los Angeles-Alpha mehr hasste als Becca und ihren Clan.
Tyson hatte diese Idee ohnehin für übertrieben gehalten. Doch ehe er Kings Schatten Jonah als Geisel hatte nominieren können, hatte King sich freiwillig gemeldet.
Tyson nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche und sah zu Cassidy hinüber. Die kalte Flüssigkeit rann seine Kehle hinunter. Es war nutzlos, Alkohol zu trinken. Das Zeug wirkte bei ihm nicht, die Aleashira filterte das Gift sofort aus dem Blut. Aber wie viele andere mochte er den Geschmack von Bier und so landete es immer wieder in seinem Kühlschrank.
Cassidys Gesicht ließ sich lesen wie ein offenes Buch, es spiegelte ihre Gefühle zu jeder Zeit. Jetzt zum Beispiel hatte sie ganz offensichtlich kein Interesse daran, nach Hause zu gehen, und hielt sich stattdessen an ihrer halb leeren Flasche fest.
Tyson entschied, zwei Probleme auf einmal zu lösen.
Kaum, dass er die Haustür öffnete, sah Cassidy auf. Die Ähnlichkeit zu Becca war verblüffend. Die Moretti-Frauen teilten alle das gleiche widerspenstige Haar und die bernsteinfarbenen Augen, die im richtigen Licht fast golden wirkten.
Tyson betrat die Veranda und winkte Cassidy zu sich. Mit einem knappen Nicken gab sie ihm zu verstehen, dass sie seine Aufforderung bemerkt hatte. Er lächelte. Sie hatte die sture Art ihrer Mutter geerbt und würde sicher nicht sofort kommen, nur weil ein Alpha sie zu sich rief.
Tyson trat wieder ins Haus.
Fast zehn Minuten später hörte er die Dielen im Flur knarzen. Cassidy setzte sich zu ihm ins Wohnzimmer und wartete wortlos darauf, was Tyson ihr zu sagen hatte. Die Unterlippe hatte sie trotzig vorgeschoben und ihre Hände krallten sich in den Stoff ihres Kleides. Sie erwartete eine Standpauke und für einen Moment überlegte er, was sie wohl angestellt hatte. Bis jetzt war ihm nichts zu Ohren gekommen, aber so wie er sie kannte, war es nur eine Frage der Zeit.
»Hast du was von Becca gehört?«
Er verzichtete darauf, sie zu bitten, sich mit King zu vertragen. Es gab keinen Grund, King vor ihr zu schützen. Der Junge würde irgendwann den größten der ansässigen Clans leiten, spätestens dann konnte ihn niemand mehr vor seiner direkten Konkurrentin verteidigen. Cassidy hob und schüttelte den Kopf.
»Nein, Mom auch nicht, aber sie kümmert sich um die Post. Wenn du willst, kann ich schauen, ob Becca einen Hinweis darauf hinterlassen hat, wo sie hinwollte. Manchmal macht sie das, wenn sie länger unterwegs ist.«
Tyson war unschlüssig. Es war nicht seine Aufgabe, in einem anderen Rudel für Ruhe zu sorgen. Andererseits gehörte Cassidy nicht nur in seine, sondern auch in Beccas Verantwortung und es konnte nicht schaden, wenn sie sich umsah.
»Ja, sieh nach, ob du erfährst, was deine Alpha treibt und gib Tory und mir Bescheid, wenn du etwas Neues herausfindest.«
Noch bevor er den Satz beendet hatte, war Cassidy aufgesprungen. Im nächsten Moment verließ sie auch schon das Haus. Erst, als sie in Tysons Wagen stieg, wurde ihm klar, dass sie auf dem Weg nach draußen seine Schlüssel gestohlen hatte. Er nahm noch einen Schluck aus der mittlerweile halb leeren Flasche. Diese Geisel war beinahe schlimmer als ein Sack Flöhe. Er wägte den Gedanken ab. Vor ein paar Jahren hatte es einen Flohbefall im Rudel gegeben und keiner, wirklich keiner, wollte jemals wieder einen Wolf shampoonieren.

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