Leseproben

Leseprobe Nightflight ein Patreon-Fortsetzungsroman

Die filigranen Säulen des Ballsaals faszinierten sie bei jedem Besuch, genauso wie die schwebenden Lichter, deren Geheimnis sie noch nicht hatte erkunden können. Der Palast war immer der erste Ort, der von den neuen Erfindungen profitierte. Viele davon würden niemals außerhalb genutzt werden. Zaghaft schritt Sky über die bunten Mosaike, die Bilder von siegreichen Schlachten gegen das Meervolk zeigten. Sie ließ sich von der leisen Musik leiten, die schon spielte obwohl keine Instrumente zusehen waren. Alles in diesem Raum war darauf ausgelegt, die Überlegenheit des Königshauses auszudrücken. Makellos saubere Wandteppiche sollten den Ruß an den Wänden überdecken und die Rohre verbergen, durch die heißer Dampf geleitet wurde, um den Palast auch in den stark herabgekühlten Nächten in wohlige Wärme zu hüllen. Alles, damit die geladenen Gäste in den dünnen, fast durchscheinen Stoffen, ihrer Bekleidung nicht froren. Der Saal war gefüllt. Die Gäste bestanden fast ausschließlich aus Mitgliedern der Adelshäuser und reichen Händlern, aber auch einige wenige Auserwählte Beamte, welche die Handelsposten verwalteten, waren anwesend.
Hätte jemand geahnt, dass mit Sky eine Arbeiterin unter ihnen verweilte, es hätte einen Aufschrei der Empörung gegeben.
Jeder der Anwesenden konnte stolz belegen, dass seine Ahnen auf mindestens fünf Generationen Landvolk zurückging.
Niederes Volk, oder gar die Kreaturen des Meeres hatten hier keinen Platz. Zumindest keinen, der über den Wert einer Trophäe hinausging.
Das große Wasserbecken stand hinter dem Buffet mit Leckerrein aus den drei Königreichen. Doch es war nicht das Essen, das Sky anzog. Es war der Anblick dahinter. Sie hatte noch nie eine Sirene gesehen und war ebenso neugierig auf das Monster, wie die Meisten in diesem Raum.
Sie hielt den Atem an, als sie endlich einen Blick durch die Glaswand des Tankes werfen konnte.

Es war ein Weibchen. Sie sah enttäuschenderweise aus, wie eine menschliche Frau, doch ihr blasses, fast weißes Gesicht schien unter den Lichtern des Saals regelrecht zu leuchten. Blonde Haare umspielten sie. Die großen eisblauen Augen schienen jeden Anwesenden im Saal mit Verachtung zu strafen.
Silbrig und blau schillernde Schuppen überdeckte Dekolletee und Arme. Durchscheinende Schwimmflossen spannten sich schimmernd zwischen ihren Fingern und Finnen wuchsen ihr aus den Unterarmen.
Sky hätte einen Fischschwanz erwartet. Genauso wie es in den Legenden berichtet wurde, doch stattdessen sah sie lange Beine, die von einem Rock aus Seetang umspielt wurden. Um die Knöchel der Gefangenen lag ein Eisenring, welcher verhinderte, dass die Frau das Becken verließ. Ihr Oberkörper war bedeckt mit Muscheln, die sie wie eine Rüstung trug. Sie wand sich im Wasser und Sky konnte einen Blick auf scharfe Finnen erhaschen, die aus ihrem Rücken herausragten.

Automatisch zupfte Sky an dem Kleid, welches sie selbst trug. Es hatte viel zu wenig Stoff, verglichen mit ihren, eher praktischen, Alltagskleidern, doch keiner hätte sie ölverschmiert und in Hosen auf die Jahrfeier des Kronprinzen gelassen.
Der Blick der Kreatur fing ihren ein. Fraß sich in ihre Seele. Sky keuchte auf, stolperte unbeholfen einen Schritt zurück und stieß gegen ein Hindernis. Sie wand sich um und versank sofort in einen tiefen Knicks. Für einen Moment fühlte sie sich so gefangen, wie die Frau in dem Tank.
»Wie ich sehe hat mein Neffe einen Streuner auf das Fest geschmuggelt.« Die Uniform des Generals war ebenso makellos, wie das polierte Silber des Palastes.
Sky wagte es, sich wieder aufzurichten. »Er wünschte meine Anwesenheit«, bestätigte sie.
»Bist du dir sicher, dass er sie hier auf dem Ball wollte und nicht eigentlich später in seinen Gemächern?«
Sie wurde rot und sah zu Boden. Dass die Avance des Kronprinzen einer Bürgerlichen gegenüber nicht unbemerkt bleiben würde, war ihnen beiden klar gewesen, doch das ausgerechnet der General sich dessen bewusst war verunsicherte Sky.
»Ich bin mir sicher, dass die privaten Angelegenheiten des Kronprinzen nicht in die Aufgabe des Generals der Flotte fällt«, entgegnete sie. Es war genau der Satz, den Lucca ihr eingebläut hatte.
»Sky.« Die Stimme des Admirals war sanft. »Du bist die Tochter eines Handwerkers und auch wenn du eine herovrragende Schiffsbauerin bist, einen Prinzen wirst du niemals an deiner Seite haben.«
Sky seufzte schwer: »Ich will keinen Prinzen an meiner Seite.« Sie machte eine Geste, die den ganzen Raum umfasste. »Ich habe kein Interesse an all dem. An Feiern und schönen Kleidern, oder darauf das Anhängsel eines Mannes zu sein, aus dessen Schatten ich niemals heraustreten kann. Ich will Schiffe bauen. Kriegsschiffe für eure Flotte und mir damit einen eigenen Namen machen.«
»Ein großes Vorhaben. Dann überlasse ich dich wieder der Betrachtung der Sirene und denk daran. Heute feiern wir seinen Jahrestag, in drei Monaten seine Ernennung zum Thronfolger und in sechs Monaten eine Hochzeit. Auf letzterer kannst du nicht anwesend sein. Sei als nicht zu enttäusccht, wenn er dich aufgibt.«
Er ließ sie stehen. Seine Worte waren wahr gewesen, auch wenn sie einen faden Beigeschmack hatten.
Eine Hand landete sanft auf ihrer Schulter und ließ sie zusammenfahren. Fast hätte sie einen Satz nach vorne gemacht. Doch stattdessen lächelte sie erleichtert, als sie ihren Gastgeber erkannte.
»Sie ist Atemberaubend, nicht wahr?« Luccas Stimme vertrieb die Gedanken an seinen Onkel.
»Sie ist wunderschön«, bestätigte Sky und zwang sich, nicht weiter zu dem Wassertank zu sehen, sondern sich stattdessen Lucca Vermond zuzuwenden. Kronprinz und Erbe des ersten Königreiches.
»Der General hat sie mir zum Geburtstag geschenkt. Er hat sie auf einer seiner Expeditionen gefangen.«
Sky nickte. Als wäre es selbstverständlich, eine Sirene zu fangen. Vermutlich hatte Tristan mehr Männer verloren, als hätte er ein Piratenschiff gekapert. Die frauenähnliche Kreatur im Wassertank war in der Tat ein Geschenk, das einem König würdig war.
Der Prinz beugte sich vor. Er flüsterte, so dass nur Sky es verstand. »Du bist auch atemberaubend.«
Ein Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Für einen Moment vergas sie die Gefangene und wandte sich komplett Lucca zu.
»Eure Hoheit, ihr spielt mit mir.« Sie senkte den Blick, nur um ihn gleich darauf wieder zu heben und ihm ins Gesicht zu sehen.
»Nicht mehr, als du mit mir spielst Sky. Sag mir, wann hörst du endlich auf mich zu quälen und teilst deine Leidenschaft mit mir?«
»Zu eurer Krönung eure Hoheit.«
Ihre Stimme hatte einen neckenden Unterton angenommen.
»Du foltrest mich.«
»Irgendwer muss es tun, und du sagst immer, dass es dir gefällt, dass ich nicht wie die anderen vor dir im Staub krieche.« Es war ein gefährliches Spiel. Die Launen eines Mannes, der immer bekam, was er wollte, schlugen schnell um. In einem Moment duellierten sie sich mit Worten, als wären sei gleichgestellt, im nächsten hatte er das Interesse an ihr verloren und verlangte von ihr, die Untertanin zu sein, die sie nun einmal war. Sie beobachtete bei jedem Wort seine Mimik, um jederzeit reagieren zu können.
»Bitte.« Heute versuchte der Prinz es mit Charme.
»Drei Blutmonde Lucca. Du wirst die Sonnensucher sehen, wenn sie fertig ist, keinen Moment früher.«
»Ja, mit einem Hofstaat, meiner Mutter und meinem Onkel. Ich würde das Schiff lieber mit dir erkunden. Es gibt sicher die ein oder andere dunkle Ecke, die du mir zeigen kannst.«
Sky grinste. »Ich könnte dir alle dunklen Ecken zeigen, aber ein paar davon werden wohl für immer mein Geheimnis bleiben.«
Skys Blick wanderte wieder zu der Sirene, sie schauderte, als sie feststellte, dass die Gefangene sie noch immer anstarrte.
»Du brauchst keine Angst zu haben«, versicherte der Prinz, als er die Gänsehaut bemerkte, die sich über Skys Arme ausgebreitet hatte. »Sie ist festgekettet, mit Eisen, Kupfer und Gold. Es verhindert, dass ihr Gesang Wirkung zeigt. Du bist bei mir vollkommen sicher.«
»Das ist es nicht«, erwiderte Sky. Sie konnte ihren Blick nicht von dem Tank abwenden. »Ich dachte nur darüber nach, wie viele Fischer sterben werden, weil ihr sie aus dem Meer geholt habt.«
Unbeschwert zuckte Lucca mit den Schultern. »Umso schneller du fertig bist, umso weniger. Die Opferung wird zur Namensnennung des Schiffes durchgeführt und traditionell geben die Sirenen danach ruhe.«
Sky presste die Lippen zusammen. Das Thema weiter zu verfolgen würde unweigerlich in einem Streit enden.

Es war die Rückkehr des Generals, welche ihr Gespräch endgültig unterbrach. Er beachtete Sky nicht weiter, sondern wandte sich sofort an den Prinzen. »Ich hatte dich bereits überall gesucht. Du hast Verpflichtungen, die über das Plaudern mit deiner Schiffsbauerin hinausgehen.«
Lucca warf Sky einen entschuldigenden Blick zu, doch sie zuckte nur mit den Schultern. Was Tristan von ihrer Anwesenheit hielt, hatte er bereits kundgetan.
»Ich habe kein Interesse daran, mich mit dem Adel zu unterhalten«, erwiderte der Prinz gelassen. »Sie sind langweilig und mehr als Lobeshymnen kommt ihnen selten über die Lippen.«
»Du bist jetzt zwei Zwillingsmondzyklen alt und in drei Blutmonden, wirst du zum Erbe deiner Mutter erklärt. Du bist alt genug, dass Land zu regieren und es ist deine Pflicht, sich mit dem Adel zu unterhalten.« Er machte eine Handbewegung, als würde er eine lästige Fliege verscheuchen.
Schicksalsergeben seufzte Lucca. »Es tut mir leid Sky, ich hätte heute gerne mehr Zeit mit dir verbracht, aber mein Onkel besteht darauf, dass ich ein paar reichen, einflussreichen Männern Seegold um die Barthaare schmiere, in der Hoffnung, dass einer zum dank dafür seine Tochter herausrückt.« Ehe Tristan Lucca mitnehmen konnte, beugte dieser sich zu Sky herab und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Ein Gunstbeweis, der eigentlich nicht für die Öffentlichkeit gedacht war. »Vielleicht heirate ich zum Schluss ja doch noch dich? Träum süß, wir sehen uns morgen.« Es war eher ein Befehl, als ein Versprechen.
Es war Luccas Art ihr zu sagen, dass er sich am nächsten Tag das Schiff ansehen würde, egal ob es fertig war, oder nicht. Sky drehte sich zu dem Wassertank. Noch immer schienen die eisigen Augen der Kreatur auf ihr zu liegen. Sie schluckte. Der Appetit war ihr vergangen. Trotz der Wärme im Saal fröstelte sie. Nach ihrer Unterhaltung mit Lucca war ihre Schuldigkeit für den Abend ohnehin erfüllt. Der Prinz hatte, was er wollte, einen Bruch der Etikette, welcher die Anwesenden daran erinnern sollte, dass er das Sagen hatte. Zwischen den Grafen und deren Töchtern würde ihr Freund jedoch keine Zeit mehr für sie finden.
Die Streicher betraten die Bühne und Musik setzte ein. Doch auch die Geigen konnten die leise Melodie in Skys Kopf nicht überdecken. Lucca eröffnete den Tanz mit einer schwarzhaarigen Schönheit aus dem Süden. Eine leichte Wehmut überkam Sky. Die Jugend des Prinzen war nun endgültig vorüber und auch sie sollte schleunigst erwachsen werden, und auf ihren Platz in der königlichen Werkstatt zurückkehren.


Dir hat die erste Szene von Nightflight gefallen und du möchtest gerne weiterlesen?

Kein Problem. Für die Patreons im Trier “Seegrurken” gibt es jeden zweiten Samstag die Fortsetzung. Alle anderen müssen sich bis 2021 gedulden, wenn der gesamte Roman veröffentlicht wird.

Hier geht es zu Patreon

Loading Likes...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.